Neue CD
Neue CD zu Gunsten der Mainzer Domorgel

Cover der CD "Daniel Beckmann spielt Liszt, Mendelssohn, Mozart", Quelle: IFO

Eine Ahnung des Ursprünglichen

Seit Mai 2010 ist Daniel Beckmann Domorganist am Mainzer Martinus-Dom. In seiner bisherigen Amtszeit hat der 1980 geborene Nachfolger von Albert Schönberger bereits die monatlich überaus erfolgreich stattfindenden Dom-Orgelmatineen sowie den "Internationalen Orgelsommer am Dom St. Martin" initiiert. Für organ hat Daniel Beckmann gerade seine Mainzer Debüt-CD an der seit den 1920er Jahren "gewachsenen" Domorgel-Anlage aufgenommen, die zu den kompliziertesten ihrer Art in Europa gehört. Das besondere aufnahmetechnische Vorgehen bei dieser Einspielung schildert er im Gespräch mit Jan-Geert Wolff.

organ: Worin unterscheidet sich für Sie die Orgel im Allgemeinen von allen anderen Musikinstrumenten?

Daniel Beckmann: Die Orgel war eben schon immer das aufwändigste, größte, komplizierteste, raffinierteste und letztlich auch kostspieligste Instrument. Sie blickt auf eine lange und große Geschichte zurück: die Anfänge liegen bekanntlich in der Antike; im christlichen Abendland kennen wir sie seit dem 8. Jahrhundert. Heute ist die Orgel als das ureigene Musikinstrument der westlichen Kirchen gar nicht mehr aus unserer abendländischen Kultur wegzudenken.

Was fasziniert Sie persönlich an der Orgel als Ihrem "Lebensinstrument"?

Eine große Orgel vereint quasi die unterschiedlichsten Instrumente bzw. Instrumentengruppen in sich, so dass der Organist ebenso wie der Dirigent eines großen Symphonieorchesters mit nahezu unendlichen Klangfarben experimentieren und Partituren kreativ gestalten kann. Im Konzertsaal ist die Orgel dem Symphonieorchester eine ebenbürtige Partnerin.

Warum eignet sich die Orgel in Ihren Augen speziell als gestaltende Partnerin der Liturgie?

Kein Musikinstrument ist im Zweifelsfall so leise (Fernwerkeffekte im pppp-Bereich), keines so laut (Hochdruckregister auf über 1000 mmWS Wind) wie die Orgel. Sie erreicht Frequenzbereiche außerhalb menschlicher Wahrnehmungsfähigkeit – von höchsten Höhen bis hin zu tiefsten Tiefen (64'). Auf ihr lassen sich mit feinem Strich sowohl zarteste und lieblichste Klangbilder zeichnen wie auch markerschütternde apokalyptische Klangvisionen generieren. Das Zweite Vatikanische Konzil bescheinigt dem Orgelklang ausdrücklich die Fähigkeit, "die Herzen mächtig zu Gott und zum Himmel emporzuheben". Damit ist die Orgel in der römisch-katholischen Kirche Sinnbild des Göttlichen, Brücke zur Transzendenz.

Wie würden Sie die künstlerischen Gestaltungsmöglichkeiten beschreiben, die Ihnen auf diesem Instrument zu Gebote stehen, das von Haus aus ja über eine "statische" Tongebung verfügt und auf einen dynamischen Anschlag wie beim Klavier verzichten muss?

Die Ausdrucksmöglichkeiten auf der Orgel sind extrem vielfältig. Es ist ja keineswegs der Klang der Orgel statisch, wie oft fälschlicherweise unterstellt wird, sondern – wie Sie korrekt sagen – die Tongebung. Das ist ein kolossaler Unterschied. Der erste "dynamische" Parameter ist natürlich die Registrierung, mit der man einerseits der jeweiligen Stilistik, den Vorstellungen des Komponisten, der Faktur des betreffenden Musikstücks und dem zur Verfügung stehenden Instrumentarium gerecht zu werden versucht und andererseits damit schon eine signifikante interpretatorische Aussage trifft. Je nach Epoche und Werk sind hier innerhalb der Komposition unendlich viele unterschiedliche Klangkombinationen sinnvoll bzw. erforderlich. Dazu kommen Manualwechsel im Sinne klassischer Terrassendynamik oder eines verzahnten symphonischen Crescendos bzw. Decrescendos oder ebenso das solistische Hervorheben einzelner Stimmen z. B. im Choral oder eines exponierten Fugenthemas. Denken wir an die ausgefeilten "dynamischen" Möglichkeiten heutiger Schwellwerke mit enormen schalldichten Wandungsstärken, Front-, Seiten- und Dachschweller, die jeweils auch einzeln bzw. sukzessive ansteuerbar bzw. zuschaltbar sind. Darüber hinaus lässt sich bei mechanischen Spieltrakturen mithilfe des Anschlags die Schnelligkeit und das Öffnungsverhalten der Ventile auf subtile Weise beeinflussen, die dem Wind den Weg durch die Pfeifen bahnen und so über die Klangqualität der Tonansprache entscheiden. Neben der spezifischen Ansprache des Tons ist ebenso seine Absprache von entscheidender Wichtigkeit. Anders als beim Klavier verklingt der Ton der Orgel nicht von selbst, sondern muss daher auch ganz bewusst "abgespielt" werden; das ist natürlich bei mechanisch traktierten Instrumenten von zusätzlicher Bedeutung und Wichtigkeit.

Wie steht es dann um die Aspekte "Agogik" oder "Rubato" auf der Orgel?

Nun, es sind ja keinesfalls nur Schwellwirkung und Ton-An-/Absprache die einzigen wesentlichen Parameter für ein lebendiges künstlerisches Orgelspiel. Für den Organisten spielen – wie für alle anderen Instrumentalisten auch – Agogik, Rubato, aber auch Phrasierung und Artikulation eine ganz entscheidende Rolle. In einer "großen" kathedralartigen Kirchenakustik kommt gerade diesen letztgenannten Faktoren eine umso höhere Bedeutung für das künstlerische Interpretationsergebnis zu.

Eine Domäne der Orgel ist im Bereich der Klassik noch immer, und heute vielleicht wieder verstärkt, die Improvisation …

Das stimmt. Allergrößte künstlerische Ausdrucks- und Gestaltungsfreiheit findet man gerade als Organist im Bereich der Improvisation, die traditionell zu den Standard- und Paradedisziplinen eines versierten Organisten zählt. Damit wird er nicht nur sekundär interpretatorisch, sondern vielmehr primär musikalisch-schöpferisch tätig und kann seinem Publikum neben Stilkopien auch eigene Klangwelten erschließen. Insbesondere vermag der liturgische Organist auf besondere oder gar unvorhergesehene Momente des liturgischen Geschehens ganz spontan und unmittelbar zu reagieren.

Sie haben gerade für organ Ihre Debüt- CD als Organist am Mainzer Dom eingespielt. Was waren für Sie dabei die Kriterien der Repertoirewahl?

Die Grundidee zu dieser CD war vorab die klangliche Dokumentation der spätromantischen Klais-Orgel von 1928, die sich seit der Veränderungen durch Kemper in den 1960er Jahren in "gebrochener", um nicht zu sagen verzerrter Form darstellt. Unter bewusster Aussparung jeglicher neobarocker Erweiterungen aus diesen Jahren wollte ich eine Ahnung von der Faszination des ursprünglichen spätromantischen Klangkonzepts vermitteln.

Das heißt, Sie haben von den 114 klingenden Registern der heutigen Domorgelanlage ganz bewusst nur einen bestimmten Teil bei Ihrer Einspielung verwendet?

Das ist richtig. Es sind von den insgesamt 114 Registern nur die rund 50 erhaltenen der ursprünglich 75 Stimmen umfassenden Hauptorgel (Westchororgel) von 1928 zum Einsatz gekommen.

Das erforderte gewiss einige aufnahmetechnische Kunstgriffe und manch unkonventionelle Vorgehensweise?

Ja, der aufnahmetechnische Aufwand war unter dem Strich immens – da die Domorgel weder über eine elektronische Setzeranlage noch über wirkungsvolle Schwellwerke verfügt. Auch wenn diese Art der Registrierung nicht den monumentalen Raumdimensionen in Liturgie und Konzert in Gänze gerecht zu werden vermag, so ist es der geschickten Mikrofonierung und größten Mühen aller Beteiligten zu danken, dass sich der Klang der Mainzer Domorgel bei der vorliegenden Aufnahme durchaus präsent und kraftvoll präsentiert und der ursprüngliche Charme des Instruments der 1920er Jahre darüber hinaus recht gut erkennbar wird. Da die Walze aufgrund zu frühen Eintretens von Aliquot- und neobarocken Mixturstimmen kein abgerundetes romantisches Klangbild zulässt, mussten sämtliche Crescendi und Decrescendi von Hand ausregistriert werden – doch der Aufwand hat sich gelohnt. Aus diesen intensiven klanglichen Erfahrungen im interpretierend-gestalterischen Umgang mit der bewahrten, "historischen" Domorgelsubstanz ergaben sich nicht zuletzt konkrete Erkenntnisse hinsichtlich eines tragfähigen Konzepts für die in naher Zukunft anstehende Neuordnung der Mainzer Domorgelsituation. Die CD ist erfreulicherweise mehr als ein eindrücklicher Beweis dafür, dass die Planungen für den Domorgelneubau unter Verwendung der dokumentierten resp. zu restaurierenden Substanz in die richtige Richtung gehen. Sie lässt ganz klar erahnen, welche Klänge zukünftig (dann raumfüllend!) in der Mainzer Kathedralkirche auch musikalisch-künstlerisch überzeugend erlebbar sein werden. Die eingespielten Werke werden dem ursprünglichen Instrumententyp bestens gerecht – und umgekehrt. Die beiden rahmenden großen Liszt-Werke lassen eine große Fülle reizvoller Registerkombinationen zu, insbesondere im orchestralen Grundstimmenspektrum. Auch und vor allem in den langsamen Teilen der Mendelssohn'schen Sonaten und der großen Mozart-Fantasie KV 608 sind jene poesievollen Grundstimmen (Streicher, Flöten) solistisch zu hören. Ihre Wiederverwendung bzw. Restaurierung sollte bei allen angestellten Überlegungen zum bevorstehenden Domorgelneubau eine unumstößliche Prämisse und zugleich bindende Verpflichtung sein. Doch nicht nur dokumentarische oder zukünftig-visionäre Beweggründe führten zur vorliegenden Programmkonzeption: Vielmehr gleicht der Aufbau einer symmetrischen Architektur. Die Liszt-Werke am Anfang und am Ende werden jeweils von einer Mendelssohn-Sonate flankiert. Die späte Mozart-Fantasie (eines meiner absoluten Lieblingswerke!) fungiert mit ihrer dreiteiligen A-B-A'-Form gleichsam als Mittelachse, gewissermaßen als Dreh- und Angelpunkt des ganzen musikalischen Geschehens.

Herr Beckmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte für organ Jan-Geert Wolff, Mainz.

 

Quelle:

"Eine Ahnung des Ursprünglichen - organ im Gespräch mit dem Mainzer Domorganisten Daniel Beckmann". In: ORGAN_Journal für die Orgel. Mainz: Schott, 2012: Heft 2. S. 18-20.

 

Schon gesehen...?

Überreichung des Erstexemplars an S.E. Kardinal Lehmann am 23.6.12, v.l.: Domdekan Heckwolf, Domorganist Beckmann, S.E. Kardinal Lehmann, G. Hille Überreichung des Erstexemplars an S.E. Kardinal Lehmann, Quelle: Bistum Mainz/Blum


PDF Mitteilung der Bischöflichen Pressestelle Mainz vom 23.6.12: "Neue CD von Domorganist Daniel Beckmann"

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Die CD wurde auch im Rahmen des CD Abo plus+ der Fachzeitschrift "organ_Journal für die Orgel" aus dem Hause Schott (Ausgabe 2/2012) angeboten

 

Leseprobe ORGAN 02/2012

 
 
 

© Daniel Beckmann 2012